Sonntag, 1. Januar 2012
Gedichte, Teil fünf
Nächste Aktualisierung Anfang April 2012
Normalerweise
Er saß einsam da
er lud mich zum Kaffee ein
ich hatte noch nicht gegessen
ich sagte
ich trinke keinen Kaffee vor dem Essen
es war auch wahr
ich trinke vor dem Essen normalerweise keinen Kaffee
er lud meinen Freund zum Kaffee ein
er hatte schon gegessen
er sagte
er trinke keinen Kaffee nach dem Essen
es war auch wahr
er trinkt nach dem Essen normalerweise keinen Kaffee
er war auch normalerweise einsam.
Ein Fisch
Ich war ein Fisch
und schwamm in einem Teich
der Teich starb
ich starb mit
und verwandelte mich in einen Vogel
und wanderte zu einem See
da verwandelte ich mich wieder in einen Fisch
und schwamm weiter
ich war ein Fisch
und schwamm in einem See
der See starb
ich starb mit
und verwandelte mich in einen Vogel
und wanderte zu einem Meer
da verwandelte ich mich wieder in einen Fisch
und schwamm weiter
ich bin ein Fisch
ich schwimme in einem Teich
und ich schwimme in einem Meer.
Kartoffelchips
Wir trafen uns einmal
sprachen uns aber nicht an
seitdem träume ich von ihr
auch im Traum sprechen wir uns nicht an
neulich saß ich in der Bahn
und aß Kartoffelnchips
ich träumte sie säße vor mir
ich bot ihr einen Kartoffelnchips an
sie lächelte mir zu
das hätte ich schon früher tun sollen!
Hallo!
Hallo!
Hallo!
ein Kuss
ein Kuss
ein halber Kuss
ein halber Kuss
ein viertel Kuss
ein viertel Kuss
ein achtel Kuss
ein achtel Kuss
ein Abschiedkuss
ein Abschiedkuss
Tschüß!
Tschüß!
Die Mehrheit des Volkes
Wenn die Mehrheit des Volkes
einen Diktator duldet
ich dulde auch ihn
wenn die Mehrheit des Volkes
sich für Reformen einsetzt
ich setze auch mich dafür ein
wenn die Mehrheit des Volkes
sich für eine Revolution einsetzt
ich setze auch mich dafür ein
man könnte meinen, ich sei ein Opportunist
der bin ich nicht
wenn die Mehrheit des Volkes
sich aus Opportunität für etwas einsetzt
ich setze mich dagegen.
Das erste Gedicht
Wir begegneten uns
sie nahm die Zigarettenschachtel
aus meiner Hemdtasche
und zündete eine an
es fing leicht an
ich schrieb ein Gedicht darüber
ich erinnere schwer
an mein erstes Gedicht
an sie auch
und ich rauche noch
und schreibe Gedichte.
In Klammern
klammer auf
eine Liebe
ich vergaß die Klammer zuzuschließen
eine andere Liebe
eine andere Liebe
eine andere Liebe
ich schließe die Klammern zu
es bleibt nur eine Liebe
Klammer zu.
Ein leerer Platz von jemandem
Ich schrieb für sie
sie ging
ich schrieb für mich
um den leereren Platz von ihr zu füllen
den ist nicht zu füllen
ich schreibe für eine andere
eine andere hat auch einen leeren Platz von jemandem in sich
auch sie hatte einen leeren Platz von jemandem in sich
ich schreibe auch für sie
Mir war peinlich
Mir war peinlich, meinen Geburtstag zu feiern
ich bat meine Mutter, mich wieder zu gebären
aber dieses Mal ohne Beteiligung meinen Vaters
sie gebar mich
nun feiere ich meinen Geburtstag
ich lade auch meinen Vater zur Geburtstagparty ein.
Samstag, 1. Januar 2011
Gedichte, Teil vier
Ausgewählte Gedichte, 1991-1997
Das Tischtennis
In der Jugend
wünschte er sich
ein Haus
mit einem Zimmer
um darin Tischtennis zu spielen
später wünschte er sich eine Welt,
die ein Zuhause für alle wäre
nun wünscht er sich ein Haus
aber ohne ein Zimmer
für Tischtennis.
Meine Reise
Meine Reise begann ich mit
einem Traum
er zeigte mir einen Stern
ich verfolgte den Stern
er zeigte mir eine Frau
ich verfolgte die Frau
sie zeigte mir eine Taube
ich verfolgte die Taube
sie zeigte mir einen Baum
ich verfolgte den Baum
er zeigte mir einen Stern
ich verfolgte den Stern
er zeigte mir einen Traum
ich verfolgte den Traum
er zeigte mir eine Reise.
Ein Haus
Ich baute ein Haus
aus Stein
der wind hat es zerstört
ich baute ein Haus
aus Stahl
der Wind hat es wieder zerstört
ich baue ein Haus
aus Träumen
es soll dem Sturm standhalten.
In der Morgendämmerung
In der Morgendämmerung ging die Liebe
in meinem Herzen auf
ich sagte zu ihr
ich liebe dich
sie sagte zärtlich
nein
als die Sonne am höchsten Stand,
sagte ich wieder zu ihr
ich liebe dich
sie sagte zurückhaltend
nein
in der Abenddämmerung
sagte ich nochmals zu ihr
ich liebe dich
sie sagte zornig
nein
in der Nacht verliebte ich mich in den Mond
er begleitete mich
bis zur nächsten Morgendämmerung.
Trümmer
Ich dachte meine Trümmer
sind nicht so beachtenswert
ich baute aus ihnen eine Gestalt
ich merkte,
ich sei schöner
als ich dachte.
Dunkle Wolken
In meinem Haus wohnt
ein Fremder
denke ich an eine schöne Erinnerung,
lenkt er mich ab
richte ich den Blick
aus dem Fenster
auf Passanten,
lenkt er mich ab
ich verlasse das Haus,
um mich in die Sonne zu legen,
er verwandelt sich
in dunkle Wolken am Himmel.
Hoffnung
Sie sitzt auf dem Zweig
eines Baumes
ich gehe zu ihr
sie setzt sich auf einen anderen Zweig
ich gehe zu dem anderen Zweig
sie setzt sich auf einen anderen Baum
ich gehe zu dem anderen Baum
sie flieht in weite Ferne
ich verzichte auf sie
aus der Ferne
ruft sie mich zu sich.
Der Wasserfall
Dem Fluss bricht
der Rücken
wir bewundern
den Wasserfall.
Der Irrweg
Es lag ein Irrweg vor mir
und ich hatte keine andere Wahl,
außer ihn zu betreten
in der tat wählte ich ihn
im Traum
ging ich einen anderen Weg
die Wege kreuzten sich
später.
Leichter
Leicht erobert
meinen Traum
schwer verlässt
meine Seele
und ich nenne sie
Liebe
So ist es
leichter.
In der Fremde
Wir saßen in der bahn uns gegenüber
ich freute mich,
dass sie eine Iranerin war
sie freute sich,
dass ich ein Iraner war
und wir sprachen uns nicht an.
Meine Vergangenheit
Meine Vergangenheit war mir
unerträglich
ich nahm mir vor,
sie allmählich zu verändern,
damit sie erträglicher werde
ich stellte fest,
dass auch sie mich allmählich verändert
auch ich war ihr unerträglich.
Liebesgedicht
Ich mag dich und Nudeln und die Sonne
dich, weil ich gerne mit dir Nudeln esse
Nudeln, weil ich ohne dich gerne Nudeln esse
die Sonne, weil ich in die Sonne
an dich und Nudeln nicht denke.
Der Zug
Den ersten Zug habe ich verpasst
den zweiten Zug habe ich verpasst
den dritten Zug habe ich verpasst
den vierten Zug habe ich verpasst
den fünften Zug habe ich verpasst
den sechsten Zug habe ich verpasst
ich hatte es satt
ich nahm einen Zug in die andere Richtung
und kam zum Ziel.
Flaum
Der Schwan schlug mit Flügeln
ein Flaum fiel herunter
der Wind nahm ihn mit sich.
Danach
Er setzte sich an die Wand
und streckte seine Beine aus
so spürte er weniger die Schmerzen
die Tür schloss sich hinter ihm
vor vierundzwanzig Stunden war er noch Frei
sein Mund und die Lippen waren ausgetrocknet
er wünschte sich eine kalte Cola.
Das Spiegelbild
Ich malte ein Zimmer
auf die Leinwand
dazu malte ich einen Stuhl
und eine Frau, die auf dem Stuhl saß
und sich in einem Spiegel betrachtete
sie stand auf und ging weg
ich schminkte ihr Spiegelbild.
Sonntag, 28. März 2010
Gedichte, Teil drei
Ausgewählte Gedichte vom Gedichtband "Es ist März", veröffentlicht im Jahre 2002.
Jene Frau
Sie erscheint
jedes Mal anders
in meinen Träumen
in jedem Gedicht
begegne ich
einer anderen Seite
von meinem Dasein.
In die Stadt
Eine zarte Mondsichel und
ein leuchtender Stern
es ist Nacht
ich gehe in die Stadt
selten ist hier der Himmel klar
ich nehme sie mit und
bringe sie meiner Freundin als Geschenk.
Steht nicht auf!
Das Kind dreht sich
bleibt stehen und
sagt
steht nicht auf!
das Zimmer dreht sich
die Mutter sagt
mein Kind
dir dreht sich das Zimmer.
Lieber
Einsamkeit
als nicht existieren
lieber das Verlangen
nach verstanden werden
eine mitteilbare Einsamkeit
hat eine Existenz.
Liebesgedicht
Wir ist gleich ich plus du plus unsere Gemeinsamkeit
ich minus du ist gleich ich minus wir
daraus ergibt sich
ich minus du ist gleich ich minus ich minus du minus unsere Gemeinsamkeit
daraus ergibt sich
ich ist gleich minus unsere Gemeinsamkeit
du fehlst mir!
Ein Gesicht
Ich kann es nicht ganz beschreiben
es ist mehr als ein Gesicht
ein Fahrgast ist mehr als ein Fahrgast
die Bahn ist mehr als die Bahn
die Stadt ist mehr als die Stadt
die Welt ist mehr als die Welt
ich kann sie nicht ganz beschreiben.
Die Begegnung
Der eine sitzt
der andere kommt ins Zimmer
der andere guckt aus dem Fenster und
sagt
was für ein Wetter!
der eine sagt nichts
der eine hustet
der andere guckt ihn an
der andere sagt
so!
der eine sagt nichts
der andere geht.
Na ja!
Die Realität
na ja!
der Tee schmeckt gut
ich trinke ihn
mit Zucker.
Ein guter Trick
Morgen geht es zu Ende
morgen geht es zu Ende
morgen geht es zu Ende
morgen geht es zu Ende
ein guter Trick!
morgen geht es zu Ende.
Der Einkauf
Kaffee
Kartoffeln
Apfel
Käse
Margarine
Hallo!
Hallo!
Danke!
Danke!
Tschüss!
Tschüss!
und
der Einkaufswagen
haben Sie eine Mark drin?
Ja!
In der Nacht
Eine alte Frau
steigt aus dem Bus aus
eine Rose
in der Hand.
Samstag, 19. September 2009
Gedichte, Teil zwei
Elf Gedichte
Ausgewählte Gedichte 1998-99, veröffentlicht in: Welfengarten, Jahrbuch für Essaysmus, herausgegeben von Leo Kreutzer und Jürgen Peters, Nr. 9, 1999, Revonnah Verlag.
Meine Ichs
Ich habe ein ich
das tut
ich habe ein zweites ich
das beobachtet
was ich tue
ich habe ein drittes ich
das tut
was es will
und hört gar nicht auf mich
und ich habe ein viertes ich
das mit allen meinen ichs
befreundet ist
es ist aber leider nicht immer
zu Hause
Der Traum
Sie waren zu viert
und sie waren unzufrieden
drei dachten
der vierte sei die Ursache
ihrer Unzufriedenheit
und beseitigten ihn
sie waren zu dritt
und sie waren nicht zufriedener als vorher
zwei dachten
der dritte sei die Ursache
ihrer Unzufriedenheit
und beseitigten ihn
sie waren zu zweit
und sie waren nicht zufriedener als vorher
einer dachte
der andere sie die Ursache
seiner Unzufriedenheit
und beseitigte ihn
nun war der eine allein
und er war nicht zufriedener als vorher
er träumte sich einen Feind
der Traum war nicht zufrieden
und beseitigte ihn
Das kann doch nicht wahr sein
Wer mit den Feinden des Volkes
eine Beziehung eingeht ist ein Verräter
wer mit einem Verräter eine Beziehung eingeht
der mit den Feinden des Volkes eine Beziehung eingeht
ist ein Verräter
wer mit einem Verräter eine Beziehung eingeht
der mit einem Verräter eine Beziehung eingeht
der mit den Feinden des Volkes eine Beziehung eingeht
ist ein Verräter
wer mit einem Verräter eine Beziehung eingeht
der mit einem Verräter eine Beziehung
das kann doch nicht wahr sein
ich bin ein Verräter
Mathematische Gleichung
Eins plus zwei ist gleich drei
also
ich habe zwei Freunde
dann sind wir zusammen drei
eins plus eins ist gleich zwei
also
ich habe einen Freund
dann sind wir zusammen zwei
eins minus eins ist gleich null
also
ich habe meinen Freund verloren
dann sind wir zusammen null
aber ich fühle mich nicht wie null
es fehlt mir sogar etwas
ich fühle mich wie minus eins
daher ist eins minus eins gleich minus eins
mathematisch habe ich zwei Freunde verloren
also
eins minus zwei ist gleich minus eins
Ein Traum
Ich hatte einen roten Pullover
auf einer Reise verlor ich ihn
ich machte mich auf den Weg
überallhin
und fand ihn nirgendwo wieder
es gab zwar rote Pullover
aber ich dachte
meiner hätte eine dunkelrote Farbe
müde und enttäuscht kehrte ich zurück
nach Hause
ich öffnete die Tür
im Wohnzimmer
vor den Fenster
auf einem Stuhl
lag ein alter roter Pullover
ich zögerte noch
aber dann zog ich ihn an
und fühlte mich wohl
Der Mustermann
Ich heiße Mustermann
meine Frau heißt Musterfrau
wir haben zwei Kinder
die heißen Mustersohn und Mustertochter
unsere Wohnung heißt Musterwohnung
wir haben ein Musterwohnzimmer
ein Musterschlafzimmer
zwei Musterkinderzimmer
und eine Musterküche
unsere Lieblinsspeise heißt Musterspeise
wir haben auch ein Musterfernsehen
und unser Lieblinsprogramm heißt Musterprogramm
kurz gesagt
ich bin ein Mustermensch
aber wissen Sie
das Wort Mustermensch hat gerade in mir
ein Gefühl ausgelöst
das sich meinem Mustergefühl widersetzt
ich nehme meine letzte Aussage zurück
Schade
Der Kaffee schmeckt gut
nur schade, dass du keine Milch hast
es tut mir leid, dass ich keine Milch habe
der Kaffee schmeckt mit Milch gut
nur schade, dass du keinen Zucker hast
es tut mir leid, dass ich keinen Zucker habe
der Kaffee schmeckt mit Milch und Zucker gut
nur schade, dass du keinen Kuchen hast
es tut mir leid, dass ich keinen Kuchen habe
der Kuchen schmeckt mit Kaffee gut
nur schade, dass ich mich ein wenig langweilig fühle
es tut mir leid, dass du dich langweilig fühlst
Warme Träume
Draußen ist es kalt
ich ziehe ein paar warme Träume an
und gehe spazieren
die Passanten gucken mich an
als ob ich nackt sei
Eine Brücke
Meine Vergangenheit
hat keine Zukunft
und meine Zukunft
keine Vergangenheit
ich baue eine Brücke
dazwischen
in der Brücke findet meine Vergangenheit
eine Zukunft
und meine Zukunft eine Vergangenheit
ich sterbe
und auferstehe wieder
(Geänderte Fassung)
Selbstbilder
Am Morgen
bevor ich von Zuhause weggehe
ist mein Selbstbild realistisch
gegen Mittag verändert es sich
zu einem expressionistischen Selbstbild
am Abend ist mein
Selbstbild kubistisch
in der Nacht bin ich Impressionist
Das Vorgespräch
Was ich mit ihm besprechen will
bespreche ich vorher mit mir selber
wo ich nicht recht habe ärgert er sich
und ich gebe ihm recht
wo er nicht recht hat ärgere ich mich
aber er gibt mir nicht recht
ich glaube es ist besser
wenn ich ihn gleich besuche
Dienstag, 8. September 2009
Gedichte, Teil eins
Die oberste Aufgabe, zu der wir berufen sind,
ist für jeden, sein eigenes Leben zu führen.
Michel de Montaigne
Ausgewählte Gedichte 1987 – 1993, veröffentlicht in Welfengarten, Jahrbuch für Essayismus, herausgegeben von Leo Kreutzer und Jürgen Peters, Nr. 7, 1997.
Befreiung
Meine Leiche
auf den Schultern
bin ich auf dem Weg zu meinem Grab
sei es,
dass ich von mir befreit werde.
Sterne
Als ich ein kleines Kind war,
träumte ich,
dass di Mutter die Sterne putzte
nun
wenn ich daran denke,
wie entfernt die Sterne von mir sind,
werde ich traurig
und doch ist es schön,
wenn ich an die Sterne denke.
Einkaufsliste
Zweihundert Gramm Käse
zwei Kilo Kartoffeln
eine Packung Margarine
anderthalb Mark Freiheit
fünfzig Mark Gefühl
Der eiserne Fuß
In meiner Kindheit
zerstörte ein eiserner Fuß
mein Häuschen aus Pappe
seitdem fehlt bei jedem Haus,
das ich baue
irgendwas.
Herbst
Aus dem Tagebuch des Baumes
fällt ein Blatt
auf den Boden
eine Jahreszeit
verdirbt
unter dem Fuß der Fußgänger.
Wie süß
Wie süß
ein Glas Milch und eine Zigarette
zwischen den zwei Peitschen
und der Folterer
der zärtlichste Vater.
Parfüm
Meine Träume
und meine Erinnerungen
parfümiere ich
und beim Spaziergang,
wenn ich einem Bekannten begegne,
nehme ich wie ein Gentleman
den Hut ab und sage:
Guten Tag!
Die Untergrundbahn
Wiederholtes Anhalten der Bahnen
Lärm der Fahrgäste
und eine Taube,
die unvertraut hierhin und dahin blickt.
Das Bild und der Rahmen
Mein Vater
schenkte mir das Bild des Großvaters
mit Bart in einem Rahmen aus Holz
und sagte mir,
dass der Großvater ein guter Mensch war
ich schenke meinen Kindern das Bild meines Vaters
mit Krawatte in einem Rahmen aus Metall
und sage ihnen,
dass mein Vater ein guter Mensch war
meine Kinder
schenken ihren Kindern mein Bild
in einem Rahmen aus der Farbe der Zukunft
und sagen ihnen,
dass ich ein guter Mensch war
so verdirbt immer ein Mensch in einem Rahmen.
Der Flüchtling
In meinem Heimatland
war ich jemand,
der seine Vergangenheit fürchtete
im Exil
bin ich jemand,
der seine Zukunft fürchtet.
Ich liebe mein Heimatland nicht
Ich liebe mein Heimatland nicht
wenn ich aber meine Landsleute treffe,
frage ich:
"Was gibt es Neues im Iran?"
dieses Land liebe ich auch nicht
aber jeden Abend
warte ich auf die Nachrichten im Fernsehen.
Mein Freund
Noch kann mein Freund
sich selbst nicht belügen
er kommt zuerst zu mir
und erzählt mir seine Lüge so aufrichtig,
dass ich sie für wahr halte
dann wagt er es,
seine Lüge anderen zu erzählen,
bis er selbst daran glauben kann.
Als ich sie zum ersten Mal sah
Als ich sie zum ersten Mal sah,
fiel mir ein,
dass ich sie kenne
als ich sie zum zweiten mal sah,
fiel mir ein,
woher ich sie kenne
sie war mein verlorenes Gesicht.
Die Menschen
Die Menschen,
die ich bis jetzt gekannt habe,
bestehen aus zwei Gruppen:
die, die größer als sie selbst sind
und die, die kleiner als sie selbst sind
wenn ich größer als ich selbst bin,
beneide ich diejenigen,
die kleiner als sie selbst sind
und wenn ich kleiner als ich selbst bin,
beneide ich diejenigen,
die größer als sie selbst sind.
Die Wand
In deinen Augen
spüre ich das Schattenbild einer Wand,
die immer zwischen mir und dem Glück stand.
Der Stacheldraht
Ich sah einen schönen Vogel,
der sein Nest auf dem Stacheldraht baute
ich jagte ihn weg,
damit er sein Nest auf einem grünen Baum baut
als ich wieder da war,
sah ich ein Vogelnest auf dem Stacheldraht
und merkte,
wie schön der Stacheldraht aussah.
Dennoch
Mein Traum war,
die Welt zu verändern
die Welt hat aber mich
leise und gewandt verändert
dennoch bereue ich nicht,
auf die Welt gekommen zu sein.
Wenn die Welt ein Fußballplatz wäre
Wenn die Welt ein Fußballplatz wäre
und die Erde ein Ball
und Gott und Teufel
die Torwächter
was für eine aufregende Versuchung wäre es,
ein Tor in diesem Spiel zu schießen.
Ein Teller Reis
Mein Teller ist voll von Reis
und mein Nachbar hat nichts zu essen
ich werde ihn nicht zum Tisch einladen,
denn dann haben wir zwei Halbhungrige
hungriger als Vollhungriger
vielleicht würden Sie sagen,
warum soll ich ihm nicht den Teller Reis schenken
nein! Das finde ich auch nicht richtig,
denn der Reis schmeckt demjenigen besser,
der ihn kocht
und wir sollen nicht nur an den Menschen denken,
sondern auch an den Reis.
Um glücklich zu sein
Um glücklich zu sein,
brauche ich
einen Baum
ein Buch
und ein Ich,
das sich unter den Baum legt
und das Buch liest
ich habe den Baum
das Buch auch
aber kein Ich.
Herb
Über die Kindheit
freue ich mich nicht,
sie hatte ein bitteres Ende
über die Liebschaften
freue ich mich nicht,
sie hatten ein bitteres Ende
meine Freude am Leben
besteht nun aus dem herben Geschmack von Kaffee,
den ich täglich trinke.
Die Leute von hier
Die Leute von hier
gehen ohne Sorge auf die Straße
und schauen mit Sorge die Zukunft an
die Leute in meinem Heimatland
gehen mit Sorge auf die Straße
und schauen mit Hoffnung die Zukunft an
ich
gehe mit Sorge auf die Straße
und schaue mit Sorge die Zukunft an.
Das Problem
Ich könnte dich lieben,
wenn du nicht zuviel von mir erwarten würdest
ich würde aber zuviel von mir erwarten,
wenn ich dich lieben würde.
Der Unterschied
Manchmal genügt es,
eine Stunde zusammenzusitzen,
um lebenslang miteinander zu sein
manchmal genügt es nicht,
lebenslang miteinander zu sein,
um eine Stunde zusammenzusitzen.
